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Nachfolgend finden Sie das Editorial des EVOLVER-Newsletters vom 16. 3. 2005 (>> EVOLVER-Homepage):

Evolver-Editorial "St(r)achel im Fleisch", 16. 3. 2005:

Die FPÖ, man muß das neidlos im Raum stehen lassen, ist ein wackerer Verein, den weder Kritik noch gesunder Menschenverstand entmutigen. Nachdem Wien Ende der 90er Jahre nicht Chicago werden durfte (es aber wollte, weil Hillary Clintons Geburtsstadt mittlerweile zu den sichersten Orten der Welt gehört), muß nun verhindert werden, daß Wien über Nacht zu Istanbul konvertiert.


16. 3. 2005; Wien (Gumpendorferstraße, Ecke Millergasse)

Daß die immer um das Ansehen der Alpenrepublik bemühte FPÖ den Slogan plakatieren hat lassen, ist nicht das eigentlich Gruselige am Überformat. Kalt läuft es einem vielmehr den Rücken hinunter bei der Behauptung, dass Heinz Strache "sagt, was Wien denkt." Hat der das zweite Gesicht? Oder woher weiß er das?

Ist die Wiener FPÖ esoterisch erleuchtet worden? Haben Strache und sein Team per "Channeling" Kontakt zu einem überirdischen Wesen aufgenommen, das ihnen sagt, was ihre Wähler wünschen? Ist Heinz Strache gar das Produkt eines genetischen Experiments, wie man es immer wieder im Kino sieht? Wurden die brachliegenden 80 Prozent seines Gehirns aktiviert, sodaß er jetzt durch pure Konzentration in die Köpfe seiner Mitmenschen schauen kann? Und wenn ja: Kann er auch Gabeln verbiegen wie Uri Geller?
Aber vielleicht ist das alles auch viel profaner gemeint, und Heinz Strache hat bloß im Büro für besondere Angelegenheiten im Innenministerium nachgefragt. Dort weiß man aus beruflichen Gründen das meiste, was im Lande gedacht wird und wer vermutlich daran schuld ist.

Wenn Politiker im Namen ganzer Landstriche zu sprechen beginnen, werde ich immer ein bißchen nachdenklich. Mit Sätzen wie "Die Einwohner von Traiskirchen grüßen die Asylwerber von Alpha Centauri" könnte ich mich zwar abfinden, bei darüber hinausgehenden Aussagen möchte ich aber gefragt werden. Ich spreche mich schließlich auch nicht im Namen aller Kärntner für eine Erhöhung der Asylantenquote aus (was mir auch niemand glauben würde, weshalb das Beispiel zugegebenermaßen ein wenig hinkt). Ganz sicher weiß ich, daß ich seit Silvester nicht daran gedacht habe, daß Wien nicht wie Istanbul werden darf; und schon gar nicht im Zusammenhang mit Kunst, weil es dazu viel zu kalt war. Überhaupt habe ich seit dem Erscheinen des Jahresberichts von Amnesty International nicht mehr an die Türkei gedacht. Meine Gedanken können es also nicht gewesen sein, in denen Heinz Strache geblättert hat (was ich mir sowieso verbitte!). Waren es vielleicht Ihre? Und das stört Sie nicht?
Aber vielleicht stellt sich die Frage auch gar nicht, ob Heinz Strache zwar ein guter Gedankenleser, aber ein schlechter Zuhörer ist, weil das offensichtlich Überirdische aus dem Ausguß einer irdischen Werbeagentur getropft ist. Ganz schlicht. Und schon stehen wir eigentlich einem weiteren Klischeebild aus dem Sisi-Land gegenüber: Die FPÖ wird nie erwachsen werden.

Frei nach dem Motto "Wart nicht erst auf Uri Geller, selber biegen geht viel schneller" bewahrt der EVOLVER wie immer Bodenhaftung und versorgt Sie täglich mit Neuigkeiten von der Kulturfront. Wann es in Wien wie in Amsterdam zugehen darf, wissen wir allerdings selbst noch nicht ...

Der Rest steht im EVOLVER.
 
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