QUELLE: Nachfolgender Text wurde für das Web-Magazin EVOLVER geschrieben (Editorial EVOLVER-Newsletter vom 1. 6. 2004).
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GIFT LIEGT IN DER LUFT
Was Prominente gelegentlich im Blut haben, beschäftigt in regelmäßigen Abständen Medien und Gerichte. Ob die Sache diesmal auch vor dem Kadi landen wird, ist allerdings fraglich. Im Rahmen einer Öko-Aktion fand Greenpeace im sprudelnden Lebenssaft von Monika "Knackal" Weinzettl, Eva Marold und Wolfgang Pissecker nämlich nicht THC, Heroin, Kokain oder andere verbotene Freudenspender - sondern nur politisch akzeptierte Gesundheitskiller wie DDT, Pestizide (die wie Nervengifte wirken), hormonell wirksame PVC-Weichmacher, synthetische Moschus-Verbindungen und Reste von bromierten Flammschutzmitteln, die zum Teil schon seit fast einem Jahrzehnt in Österreich verboten sind. Also nichts wirklich Schlimmes, nichts, was nachdenklich machen sollte... DDT ist schließlich kein verbotenes Rauschmittel, das von skrupellosen Negern vor Schulen und Kindergärten verkauft wird; nein, der Handel mit diesen Substanzen ist solides Busineß, von dem Österreich als Wirtschaftsstandort profitiert. Und davon haben wir schließlich alle was, oder?
Nein, es besteht kein Grund zur Panik, wenn im Blut von Menschen, die eindeutig nicht zur Risikogruppe der Klebstoffschnüffler gehören, Substanzen gefunden werden, deren Langzeitwirkungen nicht einmal annähernd erforscht sind - schließlich bewegt sich das alles ja im erlaubten Grenzwertbereich. "Was dies für den einzelnen Patienten bedeutet, kann derzeit niemand sagen", meint die Arbeitsgemeinschaft "Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt". Allerdings sei es generell schwierig, die Effekte von Schadstoff-Cocktails zu bewerten: "Auf jeden Fall bedeutet der Nachweis bestimmter Stoffe im Blut noch nicht, daß bereits gesundheitliche Auswirkungen zu erwarten sind. Solche Untersuchungen zeigen aber, daß selbst seit Jahrzehnten verbotene Stoffe wie DDT nach wie vor im menschlichen Organismus zu finden sind. Darüber hinaus belegen sie, daß die Industrie weiterhin Stoffe einsetzt, die sich in der Umwelt und in der Nahrungskette anreichern und so auch den Menschen belasten."
Allerdings: Der Gegenbeweis - nämlich, daß die Rückstände industrieller Chemieprodukte die Lebensqualität ins schier Unerträgliche steigern - wurde bislang auch noch nicht erbracht; PVC-Weichmacher (Phthalate wie DEHP) beispielsweise wurden sogar von den US-Behörden als "ernsthaft bedenklich für die menschliche Fortpflanzung oder Entwicklung" eingestuft. Bromierte Flammschutzmittel wiederum sind dauerhafte Umweltgifte, die im Tierversuch Leberschädigungen, Störungen bei der Gehirnentwicklung und hormonelle Verwirrungen verursachen. Moschus-Duftstoffe (genaugenommen Nitromoschus-Verbindungen) können die Wirkung von krebserregenden Substanzen verstärken, und die in Insektensprays eingesetzten Pyrethroide sind waschechte Nervengifte. Und das ganze Zeug sammelt sich natürlich nicht nur im Blut von ein paar österreichischen Künstlern, sondern auch in Ihrem, in meinem und im Blut des Planeten Erde. Die lautlosen Killer sind praktisch überall nachweisbar, vom Hochgebirge bis zur Arktis.
Was macht nun der verantwortungsvolle Staatsbürger? Er macht es wie die Politik - ja, die normative Kraft des Faktischen - und läßt die Tatsachen (plus ein paar gesundheitsgefährdende Substanzen) erst einmal in Ruhe auf sich einwirken. Kann ja sein, daß an diesem wirtschaftsfeindlichen Gebrabbel von ein paar übriggebliebenen Öko-Hippies tatsächlich was dran ist. Aber selbst wenn... Wird die Welt vielleicht gesünder, wenn wir Spinnen und wildgewordene Kampfgelsen nicht mehr mit der chemischen Keule in die Steinzeit zurücksprayen, sondern mit dem Kleinformat erschlagen? Wollen wir wirklich, daß sich jedes Leintuch bei der Zigarette danach gleich in ein flammendes Inferno verwandelt, nur weil ein paar Versuchskühe mit DEHP-Vergiftungen umgefallen sind? Und wer möchte im Sommer schon düfteln wie der Yeti persönlich, bloß weil Moschus-Aromen auf einmal krebsverstärkend sein sollen? Niemand will solche Zustände; es ist politisch einfach nicht korrekt, die Welt wegen ein paar Umweltsensiberln aller Annehmlichkeiten zu berauben. Dann schon lieber mit PVC-Schaum vor dem Mund krepieren. Und mit einer Frage auf den kalten Lippen: Jeder kleine Fixer wird für das, was sich in seinem Blut findet, heftigst bestraft - wen aber trifft die Härte des Gesetzes, wenn sich (ebenfalls illegale) Umweltgifte in der Blutbahn sammeln? Wer wird dafür bestraft, daß wir immer noch DDT und andere verbotene Substanzen zu uns nehmen müssen? Die Antwort können Sie sich wahrscheinlich selbst geben – schuld sind schließlich immer "die anderen".
Der Rest steht im EVOLVER ...
Chris Haderer
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Chris Haderer/ArtBeat
Copyright/Disclaimer
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GIFT LIEGT IN DER LUFT
Was Prominente gelegentlich im Blut haben, beschäftigt in regelmäßigen Abständen Medien und Gerichte. Ob die Sache diesmal auch vor dem Kadi landen wird, ist allerdings fraglich. Im Rahmen einer Öko-Aktion fand Greenpeace im sprudelnden Lebenssaft von Monika "Knackal" Weinzettl, Eva Marold und Wolfgang Pissecker nämlich nicht THC, Heroin, Kokain oder andere verbotene Freudenspender - sondern nur politisch akzeptierte Gesundheitskiller wie DDT, Pestizide (die wie Nervengifte wirken), hormonell wirksame PVC-Weichmacher, synthetische Moschus-Verbindungen und Reste von bromierten Flammschutzmitteln, die zum Teil schon seit fast einem Jahrzehnt in Österreich verboten sind. Also nichts wirklich Schlimmes, nichts, was nachdenklich machen sollte... DDT ist schließlich kein verbotenes Rauschmittel, das von skrupellosen Negern vor Schulen und Kindergärten verkauft wird; nein, der Handel mit diesen Substanzen ist solides Busineß, von dem Österreich als Wirtschaftsstandort profitiert. Und davon haben wir schließlich alle was, oder?
Nein, es besteht kein Grund zur Panik, wenn im Blut von Menschen, die eindeutig nicht zur Risikogruppe der Klebstoffschnüffler gehören, Substanzen gefunden werden, deren Langzeitwirkungen nicht einmal annähernd erforscht sind - schließlich bewegt sich das alles ja im erlaubten Grenzwertbereich. "Was dies für den einzelnen Patienten bedeutet, kann derzeit niemand sagen", meint die Arbeitsgemeinschaft "Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt". Allerdings sei es generell schwierig, die Effekte von Schadstoff-Cocktails zu bewerten: "Auf jeden Fall bedeutet der Nachweis bestimmter Stoffe im Blut noch nicht, daß bereits gesundheitliche Auswirkungen zu erwarten sind. Solche Untersuchungen zeigen aber, daß selbst seit Jahrzehnten verbotene Stoffe wie DDT nach wie vor im menschlichen Organismus zu finden sind. Darüber hinaus belegen sie, daß die Industrie weiterhin Stoffe einsetzt, die sich in der Umwelt und in der Nahrungskette anreichern und so auch den Menschen belasten."
Allerdings: Der Gegenbeweis - nämlich, daß die Rückstände industrieller Chemieprodukte die Lebensqualität ins schier Unerträgliche steigern - wurde bislang auch noch nicht erbracht; PVC-Weichmacher (Phthalate wie DEHP) beispielsweise wurden sogar von den US-Behörden als "ernsthaft bedenklich für die menschliche Fortpflanzung oder Entwicklung" eingestuft. Bromierte Flammschutzmittel wiederum sind dauerhafte Umweltgifte, die im Tierversuch Leberschädigungen, Störungen bei der Gehirnentwicklung und hormonelle Verwirrungen verursachen. Moschus-Duftstoffe (genaugenommen Nitromoschus-Verbindungen) können die Wirkung von krebserregenden Substanzen verstärken, und die in Insektensprays eingesetzten Pyrethroide sind waschechte Nervengifte. Und das ganze Zeug sammelt sich natürlich nicht nur im Blut von ein paar österreichischen Künstlern, sondern auch in Ihrem, in meinem und im Blut des Planeten Erde. Die lautlosen Killer sind praktisch überall nachweisbar, vom Hochgebirge bis zur Arktis.
Was macht nun der verantwortungsvolle Staatsbürger? Er macht es wie die Politik - ja, die normative Kraft des Faktischen - und läßt die Tatsachen (plus ein paar gesundheitsgefährdende Substanzen) erst einmal in Ruhe auf sich einwirken. Kann ja sein, daß an diesem wirtschaftsfeindlichen Gebrabbel von ein paar übriggebliebenen Öko-Hippies tatsächlich was dran ist. Aber selbst wenn... Wird die Welt vielleicht gesünder, wenn wir Spinnen und wildgewordene Kampfgelsen nicht mehr mit der chemischen Keule in die Steinzeit zurücksprayen, sondern mit dem Kleinformat erschlagen? Wollen wir wirklich, daß sich jedes Leintuch bei der Zigarette danach gleich in ein flammendes Inferno verwandelt, nur weil ein paar Versuchskühe mit DEHP-Vergiftungen umgefallen sind? Und wer möchte im Sommer schon düfteln wie der Yeti persönlich, bloß weil Moschus-Aromen auf einmal krebsverstärkend sein sollen? Niemand will solche Zustände; es ist politisch einfach nicht korrekt, die Welt wegen ein paar Umweltsensiberln aller Annehmlichkeiten zu berauben. Dann schon lieber mit PVC-Schaum vor dem Mund krepieren. Und mit einer Frage auf den kalten Lippen: Jeder kleine Fixer wird für das, was sich in seinem Blut findet, heftigst bestraft - wen aber trifft die Härte des Gesetzes, wenn sich (ebenfalls illegale) Umweltgifte in der Blutbahn sammeln? Wer wird dafür bestraft, daß wir immer noch DDT und andere verbotene Substanzen zu uns nehmen müssen? Die Antwort können Sie sich wahrscheinlich selbst geben – schuld sind schließlich immer "die anderen".
Der Rest steht im EVOLVER ...
Chris Haderer
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Chris Haderer/ArtBeat
Copyright/Disclaimer
kryz - am Dienstag, 1. Juni 2004, 12:03 - Rubrik: RESSOURCES reviewed

