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Der nachfolgende Text wurde 1995 für das Magazin AppleL!VE (Ausgabe 2/95; Page-Verlag, Wien) geschrieben. Der Artikel gibt den damaligen Stand von Apples Multimedia-Konzepten recht gut wieder. Einiges davon ist Wirklichkeit geworden, anderes – wie beispielsweise der „Pippin-Player“ – hat sich bereits wieder überlebt.
Alle im Text enthaltenen Daten entsprechen dem Stand des Jahres 1995; lediglich die Links wurden im Jänner 2004 hinzugefügt.


Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (1): Die ersten Jahre in Österreich.
Apple-Homepage.

machello

Multimedia für die Seele

Mit dem „New Media Forum ’95“ macht Apple Bestandsaufnahme in Sachen Neue Medien. Beim ersten von vier geplanten Events befaßten sich Genregrößen von John Perry Barlow bis Peter Gabriel damit, wie multimediale Technologien die Grenzen unserer Wahrnehmung erweitern sollen. Schauplatz war Cannes. Text: Christian Haderer.

Auch für Nicht-Cineasten ist es keine Neuigkeit, daß zwischen dem Silicon Valley und der Filmstadt Hollywood mehr als nur eine Romanze läuft. Die Zelluloidmaschinerie hat längst das Potential erkannt und läßt ihre Traumwelten immer öfter von Computerspezialisten generieren. Das Szenario von Filmen wie Tron, Der Rasenmähermann oder Steven Spielbergs Jurassic Park wäre ohne die aktive Mithilfe des Computers nichteinmal halb so realistisch anzusehen gewesen, wie als Lüge auf der Leinwand – was dem Titel von Regisseur James Camerons Special Effects-SpektakelTrue Lies fast prophetische Qualitäten verleiht. Das Zusammenwachsen der Medien ist nicht zu leugnen; Video, Sound, Computergrafik und Text verschmelzen zu etwas Neuem, zum Programm. Nicholas Negroponte, der Direktor des Media Lab am legendären Messachussettes Institute of Technology (M.I.T.) prophezeite im Rahmen einer Diskussion, daß es im Jahr 2000 ein Fernsehgerät mit „einem Apple oder IBM-Logo darauf“ geben wird – „Und irrte“, wie Satjiv Chahil, Vice President der Apple New Media-Gruppe, in seiner Eröffnungsrede des Apple New Media Forum ’95, Untertitel: World Tour ’95, schmunzelnd feststellte: „Wir haben das TV/Videosystem schon jetzt.“ Das zweitägige Forum fand Anfang Mai in Cannes statt, knapp zwei Wochen bevor die „leibhaftigen“ Stars zu den Filmfestspielen anreisten. Insgesamt vier Mal soll es im heurigen Jahr über die Bühne gehen; nach Cannes stehen noch Los Angeles, New York und Tokyo auf dem Reiseplan, ein zusätzliches Gastspiel in Kanada ist im Gespräch. Apple hat diese Veranstaltungsform „als Antwort auf das starke weltweite Interesse an Multimedia und der Erstellung interaktiver digitaler Medien“ entwickelt und an Multimedia-Entwickler adressiert, an „die Berufsgruppe der sogenannten Kreativen, an Künstler, die an interaktiven Projekten arbeiten, und an Geschäftsverantwortliche, die Informationen zu neuen Technologien benötigen.“, umriß Satjiv Chahil die Marschrichtung. „Informationspräsentationen und Fallstudien werden geschäftliche Aspekte sowie kreative oder technische Themen ansprechen, jeweils im Hinblick auf kommerzielle Ziele und auf In-House-Entwicklungen“ – ein bunter Mix aus Vorträgen, Workshops und Produktvorstellungen, bei dem vor allem der persönliche Kontakt zwischen Entwicklern und Interessierten zählte. Wie offen Verlage und Konzerne den neuen Medien bereits gegenüber stehen, wurde im Executive Panel des ersten Forum-Tages deutlich: Namhafte Vertreter der europäischen Medienindustrie, wie etwa Marco Landi (President Apple Europa), Dr. Francesco Tato (Mondadori Group) sowie Baudai, Bertelsmann und Burda setzen auf Apple New Media, On-Line-Technologie und CD-ROM.
Gastredner sorgten für den intellektuellen Background, Developer erhielten die Chance, sich aus nächster Nähe mit neuen Apple-Produkten und Technologien vertraut zu machen, wie etwa QuickTime VR, den neuen World Wide Web-Servern, die Apple neuerdings anbietet, der QuickTime Music Architecture, die das Aufspielen multimedialer Infos auf Musik-CDs ermöglicht, die Bedeutung des MPEG-Kompressionsstandards für die Macintosh-Welt bis hin zur Wahl des richtigen Entwicklungswerkzeuges.
Mit 450 Teilnehmern aus allen Teilen Europas hatte Apple gerechnet – mehr als 750 kamen ins Palais des Festivals, nicht zuletzt von prominent besetzten Gastrednern angelockt, wie dem Musiker Peter Gabriel und John Perry Barlow, dem ehemaligen Texter der Rockgruppe Greatful Death. Im von Kai Krause, dem Programmierer der PhotoShop-Erweiterung Kais Power Tools, moderierten Creative Panel gaben sich beide davon überzeugt, daß die Musikbranche am schnellsten auf die neuen Medien Internet und CD-ROM reagiert. Daß Datenpiraten möglicherweise via Internet zur Verfügung gestellte Songs für eigene Zwecke nützen und illegale Re-Mixes herstellen könnten – das Urheberrecht wird im elektronischen Multiversum der Datennetze zum immer brisanteren Thema – konnte weder Gabriel noch Barlow beunruhigen. „Man muß sich auch damit abfinden, daß eine Menge Leute Deine Lieder singen, die eigentlich gar nicht singen können“, meinte der ehemalige Songtexter und Gründer der Electronic Frontier Foundation, eine Gesellschaft, die sich mit dem Schutz der Privatsphäre des einzelnen im Cyberspace befaßt. Zu groß sind die Möglichkeiten, die interaktive Anwendungen bieten – für Gabriel sogar „ein ideales Mittel um unsere Sicht der Welt, unsere Gedanken zu projizieren und sichtbar zu machen.“

„New Media“ statt „Multimedia“
Vordergründiger Eindruck: Der noch junge Begriff Multimedia wird bereits durch einen Neuen verdrängt – New Media. „Multi“ ist zu klein geworden, ist ein bewegtes Bild auf einem PC-Bildschirm, die Neuen Medien hingegen haben eine umfassende Rekonstruktion unseres Kommunikations- und Informationswesens im Auge. Die verstärken Bemühungen, Apple-Technologie in Non-Computer-Bereichen zu etablieren, wurde von Dr. David Nagel, Senior Vice President Research & Development, Apple, dokumentiert. CD-ROM-Technologie und der noch zu errichtende Daten-Highway werden eine Vielzahl von neuen Dienstleistungen hervorbringen, betonte Nagel in seiner Keynote-Speach; wobei Apple besonderes Engagement im Bereich des Interaktiven Fernsehens zeigt (ITV, Interactive Television). Bereits im Juli 1994 implementierte die Telefonfirma Bell Atlantic die Systemkomponente QuickTime in sogenannte Set-Top-Boxen, mit denen die Funktionen des Bell Atlantic Full Service Network gesteuert werden. Das Netzwerk offeriert neben mehreren Telefondiensten Video auf Abruf (Video on Demand) und Informationskanäle. Zwei weitere Projekte in Brüssel (Belgacom) und im Osten von London (British Telecom) wurden ebenfalls mit den von Apple entwickelten Interactive TV Boxes ausgestattet und bringen futuristischen Wind ins Fernsehleben von 2.500 englischen und 50 belgischen Haushalten. In Deutschland stattet Vebacom derzeit Testhaushalte mit Apple Interactive TV-Boxen aus. Ebensogroße Bedeutung mißt Nagel der Verbreitung von Multimedia-Programmen via CD-ROM zu; auch in Verbindung mit Telefonleitung oder Kabelanschluß, wie etwa ein auf CD-ROM ausgelieferter Versandhauskatalog, mit dem interaktiv bestellt werden kann. Für Nagel eine gute Gelegenheit, Apples Multimedia-Player Pippin vorzustellen. Das kleine Gerät besteht im Wesentlichen aus einem 4fach Speed CD-ROM Laufwerk mit PowerPC Chip, welcher am Fernsehgerät angeschlossen werden kann. Somit können Spiele und Lern-CDs direkt mit den Kids am TV-Monitor ablaufen. Definitiv nicht als Computer bezeichnet (und bar jeglichen Keyboards) soll Pippin zu einem Standard herangedeihen. Durch die Verwandtschaft mit dem Macintosh können bestehende CD-ROMs ohne großen Aufwand für Pippin adaptiert werden, umgekehrt laufen Pippin-Produktionen ohne jegliche Modifikation auf dem Macintosh. Dennoch: Dem Auditorium konnte es nicht visionär genug sein. „Vor drei Jahren haben Sie uns vorgeworfen, wir würden oft große aber unrealistische Ideen verbreiten“, interpretierte Satjiv Chahil, der mit seinem indischen Akzent jeden englischen Satz so ausspricht, als würde er ein kleines Wunder beschreiben. „Heute zeigen wir Ihnen funktionierende Produkte und plötzlich sind wir zu realistisch. Hm.“

„Data isn’t Wisdom!“
„Jeder Einzelne von uns hat mehr Macht im kleinen Finger als alle römischen Imperatoren zusammen“ – und gegeben hat uns diese Macht der Computer. Dieser Ansicht ist James Burke, Keynote-Speaker am zweiten Tag des Forums. Burke, der als Autor und Host für das englische Fernsehen tätig ist (und für seine Technologie-Programme mehrfach ausgezeichnet wurde), brachte das Zusammenwachsen der Medien auf den Punkt: Die Quantität der Information wächst, aber: „Data isn’t Wisdom“, relativiert Burke: Daten ≠ Klugheit. Die zunehmende Vernetzung durch lokale Mailboxen-Systeme, das Internet und On-Line-Service-Anbieter wie CompuServe führt dazu, daß die Information an sich an Wert verliert, der Weg zu ihrer Erlangung hingegen im Vordergrund steht. Mit anderen Worten: Wozu die Bürgschaft auswendig lernen, wenn man weiß, in welchem Regal das Buch steht? Und: Wir werden uns daran gewöhnen müssen, das es kein nebeneinander der unterschiedlichen Medien wie Fernsehen, CD, Video oder Druckwerken gibt sondern ein miteinander. Wir werden aufhören, von dem CD-Player, dem Telefon oder dem Computer zu sprechen, weil sie ineinander aufgegangen sind. Und, so Burke, wir werden uns auch daran gewöhnen müssen, daß wir Information nicht mehr „besitzen“ werden wie man ein Buch besitzt – in der vernetzten Gesellschaft werden uns die Datententakel vom Video bis zur Madonna-Biografie jede gewünschte Information von „irgendwo auf der Welt“ herholen und sie uns zur Verfügung stellen „solange wir sie brauchen. Was in den nächsten 50 Jahren auf uns zukommt, wird uns alles, was davor war, wie in Zeitlupe erscheinen lassen.“ Schlechte Zeiten für Sammler und eine Herausforderung für die Entwickler, „die vor der Aufgabe stehen, die Möglichkeiten des Menschen zu erweitern, nicht ihm seine Seele zu nehmen.“


Zitate
„Multimedia ist ein ideales Mittel um unsere Sicht der Welt, unsere Gedanken zu projizieren und sichtbar zu machen.“ Peter Gabiel

„Was in den nächsten 50 Jahren auf uns zukommt, wird uns alles, was davor war, wie in Zeitlupe erscheinen lassen.“ James Burke, TV-Autor

„Man muß sich auch damit abfinden, daß eine Menge Leute Deine Lieder singen, die eigentlich gar nicht singen können“ John Perry Barlow zum Thema Urheberrecht im Cyberspace.

„Ich habe gute Neuigkeiten für Sie: Ich lasse meine Schlußrede ausfallen, damit wir früher an den Strand gehen können. Es ist wunderbar draußen.“ Satjiv Chahil, Vice President Apple New Media.

„Jeder Einzelne von uns hat mehr Macht im kleinen Finger als alle römischen Imperatoren zusammen.“ James Burke, TV-Autor

„Newton-Produkte kommen dem Anwender in vielerlei Hinsicht mehr entgegen als ein teurer und leistungsfähiger Power Mac. Denken Sie darüber nach: Warum muß ich einen Computer überhaupt einschalten, warum registriert er nicht, daß ich da bin? Die neuen Medien zwingen uns zum Umdenken.“ Frank Casanova, Apple Advanced Technology Group.


Wer was wann in Cannes
Die wichtigsten Fakten des Apple New Media Forum ’95
Veranstaltungsort: Palais des Festivals, Cannes
Veranstaltungsdauer: 3. und 4. Mai

Die prominentesten Gastredner:
• Dr. David Nagel, Senior Vice President Research & Development Apple-Computer: „Apple’s Directions in Multimedia“.
• Marco Landi, President Apple Computer Europe
• Sativ Chahil, Vice President New Media, Apple: „Back to the real world“.
• John Perry Barlow, Autor, Aktivist, EFF-Gründer
• Peter Gabriel, Musiker
• James Burke, TV-Autor, Moderator, Lehrer: „A Visionary Look At Our Industry”.
• Kai Krause, Programmierer, Executive Vice President und Mitbegründer von HSC-Software (Kais Power Tools, Bryce).
• Michael Backes, Drehbuchautor, Konsulent (Abyss, Jurassic Park)


Multimedia-Fakten (Stand: 1995)
Nackte Zahlen aus der Apple Multimedia-Welt
• 35% der Konsumenten bevorzugen den Macintosh als Multimedia-Plattform, 34% OS/2 oder WINDOWS, 16% schwören auf Workstations.(1)
• Der Anteil Multimedia-fähiger Macintosh-Computer(*) beträgt mehr als 60% und steigt.(2)
• 64% aller Multimedia-Käufer verwenden Apple QuickTime, 31% das „Konkurrenzprodukt“ Video for Windows.(1)
• 1993 verkaufte Apple weltweit über eine Million CD-ROM Player.(2)
• 33% aller Macintosh-Titel sind Multimedia-Anwendungen.(5)
• Bis zum Jahresende wird der weltweite Bestand an Multimedia-fähigen PCs etwa 17 Millionen betragen, wovon sich Apple einen 32%igen Marktanteil erwartet.(3)
• Zwei von drei Multimedia-Entwicklern arbeiten mit dem Macintosh.(4)

(*) versteht sich lt. Apple-Eigendefinition als farb-, grafik- und soundfähiges Gerät mit SCSI-Schnittstelle. (1) Quelle: Market Vision 1993 Buyer Survey. (2) Quelle: Apple. (3) Quelle: Economics of Multimedia Title Publishing, SIMBA Information. (4) Quelle: Dataquest. (5) Quelle: Pelican Island Information. Alle Angaben ohne Gewähr.

Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (1): Die ersten Jahre in Österreich
(c) by Chris Haderer
 
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