20 Jahre Macintosh, (I)
Der Nachfolgende Text erschien am 25. 2. 1997 in der heute leider nicht mehr existierenden Zeitschrift AppleTime im Wiener Page-Verlag. Er spiegelt die Entwicklung von Apple in Österreich recht gut wieder.
Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (2): New Media-Forum 95 in Cannes

Foto: (c) Apple-Computer
Das Ende einer Legende
Beim Kult-Computerbauer Apple wird dieser Tage heftig gefeiert. Wie die Besitzer von Apple-Aktien wissen, hat die ausgelassene Stimmung nichts mit den Billanzen zu tun sondern mit gleich drei Jubiläen. Am 20. 2. 97 feierte die Firma mit dem bunten Apfel im Logo in der A2 Laserdisco in Vösendorf ihren zwanzigsten Geburtstag. Unterstützt wurde der Erfinder des Personal Computers von den Apple-Friends, die ihr fünfjähriges Bestehen als Apple-Händler feierten; sowie ideologisch von der Wiener Macintosh-Zeitschrift "AppleTime", die es auf 10 Dienstjahre gebracht hat.
Vom historischen Standpunkt aus betrachtet, ist das Jahr 1987 bemerkenswert ereignislos verlaufen. Im Kernschatten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die im April des Vorjahres für kollektive Endzeitstimmung gesorgt hatte und der Öffnung der Ostgrenzen Anfang der 90er war es nicht leicht, Geschichte zu schreiben. Was stattfand, hätte durchaus auch in einem anderen Jahr passieren können, ohne daß sich der Lauf der Welt entscheidend verändert hätte. Klaus Barbie, der als "Schlächter von Lyon" bekannte Nazi-Verbrecher wurde zu lebenslanger Haft verurteilt; der neunzehnjährige Sportflieger Martin Rust landete mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau; in Deutschland schickt der Große Bruder verspätete Grüße mit der Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises; und Regisseur David Lynch schafft mit "Blue Velvet" den kommerziellen Durchbruch. Die Computerwelle schwappte auf Europa über - und noch ehe die Generation X in aller Munde war, wurde von William Gibson mit seinem Bestseller NEUROMANCER, dessen deutsche Ausgabe drei Jahre auf ihre Übersetzung warten mußte, auch schon die Generation @ geboren.
Daß im April '87 auch die erste Ausgabe der AppleTime erschien (acht Seiten Umfang, nicht durchnummeriert) ist ein von der Geschichtsschreibung weitgehendst unbeachtetes Detail, das vor allem im Rückblick eine bemerkenswerte Qualität erlangt: Der auf dem Cover der Erstausgabe abgebildete Macintosh SE (mit dem das Heft auch gelayoutet wurde), erlebte sein zehnjähriges Jubiläum nicht - das klassische Design, dessen Grundfläche nach dem Wunsch von Steve Jobs nie größer als ein Telefonbuch sein sollte, wurde 1993 mit der Einstellung der Classic-Linie zu Grabe getragen.
Erste Schritte
Apple Computer wurden in Österreich zunächst von der Zema-Handelsgesellschaft vertrieben, mit der Mag. Franz Zechner bis 1982 etwa 800 Rechner in Umlauf brachte (was einem Jahresumsatz von etwa 50 Millionen Schilling entsprach). Angetan vom guten Verkaufsergebnis kündigte Apple International daraufhin Zechner den Distributionsvertrag und lieferte selbst aus München an ein Zentrallager in Salzburg - eine in der damals noch jungen Branche übrigens gerne angewandte Politik. Die US-Companies bedienten den eutopäischen Markt über exklusive Distributionsverträge. Erwirtschaftete ein Händler ein überdurchschnittliches Ergebnis, wurde er durch eine Geschäftsstelle des Herstellers ersetzt.
Apple ging noch einen Schritt weiter: Nicht Jedermann sollte die exklusiven Apple-Rechner unters Volk bringen dürfen, sondern nur ein Netz handverlesener Apple-Händler. Das Argument vom anspruchsvollen Kundenservice, mit dem der damalige Country-Manager Dieter Euler-Rolle den Vertrieb kanalisierte, ist heute zur Mär geworden. In Zeiten des box-moving und bei fallenden Margen ist kein Platz für kostenlosen Support mehr.
Zeitalter der Magie
Anfang der 80er Jahre gab es ein Weltreich zu entdecken - und zu besetzen. Überall gärten die Visionen, wie der Personal Computer unser Leben verändern würde. Was immer man Apple-Gründer Steve Jobs heute vorwirft - damals glaubte er tatsächlich daran, mit dem Macintosh (und vielen vom legendären Palo Alto Research Center entliehenen Betriebssystem-Konzepten) ein neues Zeitalter einzuläuten. Daß Apple heute ein auf Sitcom-Niveau abgesunkener Akteur unter vielen ist, liegt am schlechten Spiel des Managements und der Arroganz der California-Boys gegenüber dem Rest der Welt. Seine Macher betrachteten den Macintosh als etwas Überirdisches, das ein Genie den Göttern entrissen hatte, um es den Menschen zum Geschenk zu machen (die dazu bereit sein sollten, und hier hoplert die Theorie ein wenig, jeden Preis dafür zu bezahlen).
Als Apple Anfang der 90er Jahre seinen vorläufigen Höhepunkt auf der Beliebtheitsskala erreichte, war das Zeitalter der Magie längst vorüber. Der Personal Computer war aus dem Geschäftsleben nicht mehr wegzudenken, und auch im privaten Bereich hielt er verstärkt Einzug: heute sind mehr als 50 Prozent aller deutschen Haushalte mit Kindern unter 15 Jahren mit einem PC bestückt. Wir haben Computer akzeptiert; wissen, daß sie im Prinzip zu den unglaublichsten Dingen fähig sind. Per Mausklick um den Globus gejagte E-Mails verblüffen uns nicht mehr; Video-CDs und Multimedia-Anwendungen gehören zum Alltag.
1976, als Steve Wozniak den Apple I zusammenlötete, war das alles Neuland. Es gab keine grafischen Betriebssysteme, keine per Maus bedienbaren Programme - überhaupt gab es den Personal Computer noch nicht. Auch der Apple I, der zur Gründung von Apple-Computer führte, war als einfaches Board ohne Tastatur nur für Bastler interessant. Erst seine Nachfolgemodelle und der im Orwelljahr 1984 vorgestellte Ur-Macintosh riefen schlußendlich eine Industrie ins Leben, die heute nach der Automobilindustrie sowie dem Waffen- und Drogenhandel auf Platz Vier der Weltrangliste liegt.
Die Wandlung
Wenn man ehrlich ist, gab es für Apple kaum eine Zeit - auch nicht im Glücksjahr '91, in dem Apple mehr Personal Computer verkaufte als IBM - in der nicht gerade eine Krise ins Haus stand. Wechsel auf Führungsebene erfolgten nie auf Wunsch der Betroffenen sondern als Initialzündung für neue Sanierungspläne. Steve Jobs wurde von seinem Nachfolger, dem ehemaligen Pepsi-Manager John Sculley, auf Geheiß des Vorstands vom Podest gestoßen - was sich Apple eine Menge kosten ließ. Immerhin erhielt Sculley eine Million Dollar Jahresgehalt, eine weitere Million als Abfindung sowie 350.000 Optionen auf Apple-Aktien, deren Wert damals auf etwa 50 Millionen Dollar geschätzt wurde. Scully war keiner von den Helden der ersten Stunde, kein Evangelist sondern ein Geschäftsmann. Er wollte die Position des Macintosh stärken und kündigte Allianzen mit ehemaligen Branchgegnern an.
Auf Sculley folgte der gebürtige Deutsche Michael "The Diesel" Spindler, der dem ungeliebten Engagement für den Newton und den Consumer-Markt einen Riegel vorschob. Die Ära Spindler brachte den Umstieg auf PowerPC-Chips und damit den Abschied vom klassischen Macintosh, Lieferschwierigkeiten, weltweite Reparaturaktionen schadhaft ausgelieferter Boards - und erstmals auch Wahrhaftigkeit. Noch nie zuvor hatte Apple zugegeben, daß auf Management-Ebene einiges schief lief. Nach einigen Gerüchten um den drohenden Verkauf von Apple an Sun Microsystems wurde Spindler 1996 durch den als harten Sanierer bekannten Gilbert Amelio ersetzt. Wie die seiner Vorgänger, handelte auch Amelios Antrittsrede von der Reorganisation des Unternehmens - die erst kürzlich ihren Niederschlag im Kauf von NeXT Computer gefunden hat.
Das alles läßt den Eindruck aufkommen, daß Apple eine ganz normale Computerfirma ist, wie sie seit den Achtziger Jahren zu Tausenden gibt.
Only Bad News are Good News
Vor kurzem wurde in einem Online-Diskussionsforum auf der Wiener Mailbox magnet die Behauptung aufgestellt, daß die Journalisten die eigentlichen Verursacher der Stürme sind, die Apple durchfahren muß. Das ist eine kühne These, über die man streiten kann. Tatsache ist aber, daß die Medien Apple ein Vielfaches jener Aufmerksamkeit zukommen lassen, die einem Unternehmen mit knapp fünf Prozent Marktanteil gebührt. Konkurse haben in der Apple-Welt seit jeher für mehr Aufsehen gesorgt, als in der von Händlern dichtgedrängten Wintel-Welt. Zumal auch die Händler selbst ein leidlich schadenfrohes Völkchen sind, mit einem spürbaren Hang zur Selbstzerfleischung. Spektakulär war der Konkurs von Gaiger Computer im September 1991. Trotz seinem Asyl in der BGS Daustrab-Gruppe schloß Martin Gaiger die Pforten mit einer Überschuldung von 50,7 Millionen Schilling (Quelle: Cash Flow 1/93). Mit in den Abgrund stürzte die angegliederte Softwarehandelsfirma Economics.
Im November 1994 ging das zur Digitech-Gruppe gehörende Apple Center McLine in den Konkurs. Nach dem Abgang des Uni-Spezialisten Dr. Schindler im Frühjahr '94 das zweite prominente Opfer innerhalb weniger Monate. Die Gründe dafür ortetete der damalige Country-Manager Robert Zehetleitner (von der Steirerbräu kommend heute bei der Baseler Versicherung) nicht im unmittelbaren Umfeld von Apple. Gerüchte sprachen sowohl von einem durch schlampige Buchhaltung erwirtschafteten Schuldenberg wie auch von verschwundenen Geräten. "Für Apple bedeutet der Konkurs eines Händlers einen Imageverlust.", kommentierte Zehetleitner.
Zusammen mit seinem Kompagnon Walter Kuntner hat Hard+Soft Geschäftsführer Ewald Maly die "Kurve gerade noch rechtzeitig gekriegt." Heute gehen die beiden getrennte Wege; Anfang der 90er jedoch, als das Geschäft noch boomte, verging keine Woche, in der das Duo nicht mit einer neuen Firmenbeteiligungen von sich reden machte. "Das war zeitweise ein größenwahnsinniger Höhenflug", meint Maly, zu dessen kapitalen Pleiten das gescheiterte NeXT-Center-Projekt zählt. Zuerst ließ die Anwendersoftware auf sich warten, dann, als der Markt ein bißchen ins Laufen kam, stellte NeXT über Nacht die Hardwareproduktion ein. Maly schaut gelassen auf das Disaster zurück. "Wäre das anders ausgegangen, dann hätte man gesagt: Da schaut's her, Kuntner und Maly haben wieder einen Riecher gehabt. So ist es halt genau umgekehrt gewesen: Da, schauts an, Kuntner und Maly sind schon wieder in die Scheiße gestiegen."
Wir Journalisten haben uns auf diese Katastrophen gestürzt, als gäbe es kein Morgen. Tausend Mal haben wir nicht nur das Sterben der Händler (von denen es vielen überraschend gut geht) sondern auch das baldige Ende von Apple vorausgesagt. Mit dem Ergebnis, daß es zwar einige Händler nicht mehr, Apple dafür aber immer noch gibt. Man wird Apple auch in Zukunft größere Aufmerksamkeit widmen, weil - trotz aller Pleiten und Fehlschläge - das Unternehmen als Erfinder des Personal Computers einfach nicht ignoriert werden kann. Der Kult ist Anfang der 90er-Jahre, als Apple kurz den Versuch machte, auch in den niedrigpreisigen Heim-Markt vorzustoßen, zerbröckelt. Die meisten Anwender sind keine Evangelisten - sie wollen einfach, daß die Kiste läuft.
Damit hat sich zumindest die Vorhersage des Apple-Liebhabers Guy Kawasaki erfüllt: "Der Macintosh begann als Vision, wurde dann zum Produkt, das von einem Kult getragen wurde schließlich zu einer von Millionen von Anwendern propagierten Sache."
(c) by Chris Haderer. All Rights Reserved. Eine prä-digitale Version dieses Artikels erschien (in veränderter Form) in der AppleTime 1/97, PAGE-Verlag, Wien.
Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (2): New Media-Forum 95 in Cannes
(c) by Chris Haderer.
Der Nachfolgende Text erschien am 25. 2. 1997 in der heute leider nicht mehr existierenden Zeitschrift AppleTime im Wiener Page-Verlag. Er spiegelt die Entwicklung von Apple in Österreich recht gut wieder.
Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (2): New Media-Forum 95 in Cannes

Foto: (c) Apple-Computer
Das Ende einer Legende
Beim Kult-Computerbauer Apple wird dieser Tage heftig gefeiert. Wie die Besitzer von Apple-Aktien wissen, hat die ausgelassene Stimmung nichts mit den Billanzen zu tun sondern mit gleich drei Jubiläen. Am 20. 2. 97 feierte die Firma mit dem bunten Apfel im Logo in der A2 Laserdisco in Vösendorf ihren zwanzigsten Geburtstag. Unterstützt wurde der Erfinder des Personal Computers von den Apple-Friends, die ihr fünfjähriges Bestehen als Apple-Händler feierten; sowie ideologisch von der Wiener Macintosh-Zeitschrift "AppleTime", die es auf 10 Dienstjahre gebracht hat.
Vom historischen Standpunkt aus betrachtet, ist das Jahr 1987 bemerkenswert ereignislos verlaufen. Im Kernschatten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die im April des Vorjahres für kollektive Endzeitstimmung gesorgt hatte und der Öffnung der Ostgrenzen Anfang der 90er war es nicht leicht, Geschichte zu schreiben. Was stattfand, hätte durchaus auch in einem anderen Jahr passieren können, ohne daß sich der Lauf der Welt entscheidend verändert hätte. Klaus Barbie, der als "Schlächter von Lyon" bekannte Nazi-Verbrecher wurde zu lebenslanger Haft verurteilt; der neunzehnjährige Sportflieger Martin Rust landete mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau; in Deutschland schickt der Große Bruder verspätete Grüße mit der Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises; und Regisseur David Lynch schafft mit "Blue Velvet" den kommerziellen Durchbruch. Die Computerwelle schwappte auf Europa über - und noch ehe die Generation X in aller Munde war, wurde von William Gibson mit seinem Bestseller NEUROMANCER, dessen deutsche Ausgabe drei Jahre auf ihre Übersetzung warten mußte, auch schon die Generation @ geboren.
Daß im April '87 auch die erste Ausgabe der AppleTime erschien (acht Seiten Umfang, nicht durchnummeriert) ist ein von der Geschichtsschreibung weitgehendst unbeachtetes Detail, das vor allem im Rückblick eine bemerkenswerte Qualität erlangt: Der auf dem Cover der Erstausgabe abgebildete Macintosh SE (mit dem das Heft auch gelayoutet wurde), erlebte sein zehnjähriges Jubiläum nicht - das klassische Design, dessen Grundfläche nach dem Wunsch von Steve Jobs nie größer als ein Telefonbuch sein sollte, wurde 1993 mit der Einstellung der Classic-Linie zu Grabe getragen.
Erste Schritte
Apple Computer wurden in Österreich zunächst von der Zema-Handelsgesellschaft vertrieben, mit der Mag. Franz Zechner bis 1982 etwa 800 Rechner in Umlauf brachte (was einem Jahresumsatz von etwa 50 Millionen Schilling entsprach). Angetan vom guten Verkaufsergebnis kündigte Apple International daraufhin Zechner den Distributionsvertrag und lieferte selbst aus München an ein Zentrallager in Salzburg - eine in der damals noch jungen Branche übrigens gerne angewandte Politik. Die US-Companies bedienten den eutopäischen Markt über exklusive Distributionsverträge. Erwirtschaftete ein Händler ein überdurchschnittliches Ergebnis, wurde er durch eine Geschäftsstelle des Herstellers ersetzt.
Apple ging noch einen Schritt weiter: Nicht Jedermann sollte die exklusiven Apple-Rechner unters Volk bringen dürfen, sondern nur ein Netz handverlesener Apple-Händler. Das Argument vom anspruchsvollen Kundenservice, mit dem der damalige Country-Manager Dieter Euler-Rolle den Vertrieb kanalisierte, ist heute zur Mär geworden. In Zeiten des box-moving und bei fallenden Margen ist kein Platz für kostenlosen Support mehr.
Zeitalter der Magie
Anfang der 80er Jahre gab es ein Weltreich zu entdecken - und zu besetzen. Überall gärten die Visionen, wie der Personal Computer unser Leben verändern würde. Was immer man Apple-Gründer Steve Jobs heute vorwirft - damals glaubte er tatsächlich daran, mit dem Macintosh (und vielen vom legendären Palo Alto Research Center entliehenen Betriebssystem-Konzepten) ein neues Zeitalter einzuläuten. Daß Apple heute ein auf Sitcom-Niveau abgesunkener Akteur unter vielen ist, liegt am schlechten Spiel des Managements und der Arroganz der California-Boys gegenüber dem Rest der Welt. Seine Macher betrachteten den Macintosh als etwas Überirdisches, das ein Genie den Göttern entrissen hatte, um es den Menschen zum Geschenk zu machen (die dazu bereit sein sollten, und hier hoplert die Theorie ein wenig, jeden Preis dafür zu bezahlen).
Als Apple Anfang der 90er Jahre seinen vorläufigen Höhepunkt auf der Beliebtheitsskala erreichte, war das Zeitalter der Magie längst vorüber. Der Personal Computer war aus dem Geschäftsleben nicht mehr wegzudenken, und auch im privaten Bereich hielt er verstärkt Einzug: heute sind mehr als 50 Prozent aller deutschen Haushalte mit Kindern unter 15 Jahren mit einem PC bestückt. Wir haben Computer akzeptiert; wissen, daß sie im Prinzip zu den unglaublichsten Dingen fähig sind. Per Mausklick um den Globus gejagte E-Mails verblüffen uns nicht mehr; Video-CDs und Multimedia-Anwendungen gehören zum Alltag.
1976, als Steve Wozniak den Apple I zusammenlötete, war das alles Neuland. Es gab keine grafischen Betriebssysteme, keine per Maus bedienbaren Programme - überhaupt gab es den Personal Computer noch nicht. Auch der Apple I, der zur Gründung von Apple-Computer führte, war als einfaches Board ohne Tastatur nur für Bastler interessant. Erst seine Nachfolgemodelle und der im Orwelljahr 1984 vorgestellte Ur-Macintosh riefen schlußendlich eine Industrie ins Leben, die heute nach der Automobilindustrie sowie dem Waffen- und Drogenhandel auf Platz Vier der Weltrangliste liegt.
Die Wandlung
Wenn man ehrlich ist, gab es für Apple kaum eine Zeit - auch nicht im Glücksjahr '91, in dem Apple mehr Personal Computer verkaufte als IBM - in der nicht gerade eine Krise ins Haus stand. Wechsel auf Führungsebene erfolgten nie auf Wunsch der Betroffenen sondern als Initialzündung für neue Sanierungspläne. Steve Jobs wurde von seinem Nachfolger, dem ehemaligen Pepsi-Manager John Sculley, auf Geheiß des Vorstands vom Podest gestoßen - was sich Apple eine Menge kosten ließ. Immerhin erhielt Sculley eine Million Dollar Jahresgehalt, eine weitere Million als Abfindung sowie 350.000 Optionen auf Apple-Aktien, deren Wert damals auf etwa 50 Millionen Dollar geschätzt wurde. Scully war keiner von den Helden der ersten Stunde, kein Evangelist sondern ein Geschäftsmann. Er wollte die Position des Macintosh stärken und kündigte Allianzen mit ehemaligen Branchgegnern an.
Auf Sculley folgte der gebürtige Deutsche Michael "The Diesel" Spindler, der dem ungeliebten Engagement für den Newton und den Consumer-Markt einen Riegel vorschob. Die Ära Spindler brachte den Umstieg auf PowerPC-Chips und damit den Abschied vom klassischen Macintosh, Lieferschwierigkeiten, weltweite Reparaturaktionen schadhaft ausgelieferter Boards - und erstmals auch Wahrhaftigkeit. Noch nie zuvor hatte Apple zugegeben, daß auf Management-Ebene einiges schief lief. Nach einigen Gerüchten um den drohenden Verkauf von Apple an Sun Microsystems wurde Spindler 1996 durch den als harten Sanierer bekannten Gilbert Amelio ersetzt. Wie die seiner Vorgänger, handelte auch Amelios Antrittsrede von der Reorganisation des Unternehmens - die erst kürzlich ihren Niederschlag im Kauf von NeXT Computer gefunden hat.
Das alles läßt den Eindruck aufkommen, daß Apple eine ganz normale Computerfirma ist, wie sie seit den Achtziger Jahren zu Tausenden gibt.
Only Bad News are Good News
Vor kurzem wurde in einem Online-Diskussionsforum auf der Wiener Mailbox magnet die Behauptung aufgestellt, daß die Journalisten die eigentlichen Verursacher der Stürme sind, die Apple durchfahren muß. Das ist eine kühne These, über die man streiten kann. Tatsache ist aber, daß die Medien Apple ein Vielfaches jener Aufmerksamkeit zukommen lassen, die einem Unternehmen mit knapp fünf Prozent Marktanteil gebührt. Konkurse haben in der Apple-Welt seit jeher für mehr Aufsehen gesorgt, als in der von Händlern dichtgedrängten Wintel-Welt. Zumal auch die Händler selbst ein leidlich schadenfrohes Völkchen sind, mit einem spürbaren Hang zur Selbstzerfleischung. Spektakulär war der Konkurs von Gaiger Computer im September 1991. Trotz seinem Asyl in der BGS Daustrab-Gruppe schloß Martin Gaiger die Pforten mit einer Überschuldung von 50,7 Millionen Schilling (Quelle: Cash Flow 1/93). Mit in den Abgrund stürzte die angegliederte Softwarehandelsfirma Economics.
Im November 1994 ging das zur Digitech-Gruppe gehörende Apple Center McLine in den Konkurs. Nach dem Abgang des Uni-Spezialisten Dr. Schindler im Frühjahr '94 das zweite prominente Opfer innerhalb weniger Monate. Die Gründe dafür ortetete der damalige Country-Manager Robert Zehetleitner (von der Steirerbräu kommend heute bei der Baseler Versicherung) nicht im unmittelbaren Umfeld von Apple. Gerüchte sprachen sowohl von einem durch schlampige Buchhaltung erwirtschafteten Schuldenberg wie auch von verschwundenen Geräten. "Für Apple bedeutet der Konkurs eines Händlers einen Imageverlust.", kommentierte Zehetleitner.
Zusammen mit seinem Kompagnon Walter Kuntner hat Hard+Soft Geschäftsführer Ewald Maly die "Kurve gerade noch rechtzeitig gekriegt." Heute gehen die beiden getrennte Wege; Anfang der 90er jedoch, als das Geschäft noch boomte, verging keine Woche, in der das Duo nicht mit einer neuen Firmenbeteiligungen von sich reden machte. "Das war zeitweise ein größenwahnsinniger Höhenflug", meint Maly, zu dessen kapitalen Pleiten das gescheiterte NeXT-Center-Projekt zählt. Zuerst ließ die Anwendersoftware auf sich warten, dann, als der Markt ein bißchen ins Laufen kam, stellte NeXT über Nacht die Hardwareproduktion ein. Maly schaut gelassen auf das Disaster zurück. "Wäre das anders ausgegangen, dann hätte man gesagt: Da schaut's her, Kuntner und Maly haben wieder einen Riecher gehabt. So ist es halt genau umgekehrt gewesen: Da, schauts an, Kuntner und Maly sind schon wieder in die Scheiße gestiegen."
Wir Journalisten haben uns auf diese Katastrophen gestürzt, als gäbe es kein Morgen. Tausend Mal haben wir nicht nur das Sterben der Händler (von denen es vielen überraschend gut geht) sondern auch das baldige Ende von Apple vorausgesagt. Mit dem Ergebnis, daß es zwar einige Händler nicht mehr, Apple dafür aber immer noch gibt. Man wird Apple auch in Zukunft größere Aufmerksamkeit widmen, weil - trotz aller Pleiten und Fehlschläge - das Unternehmen als Erfinder des Personal Computers einfach nicht ignoriert werden kann. Der Kult ist Anfang der 90er-Jahre, als Apple kurz den Versuch machte, auch in den niedrigpreisigen Heim-Markt vorzustoßen, zerbröckelt. Die meisten Anwender sind keine Evangelisten - sie wollen einfach, daß die Kiste läuft.
Damit hat sich zumindest die Vorhersage des Apple-Liebhabers Guy Kawasaki erfüllt: "Der Macintosh begann als Vision, wurde dann zum Produkt, das von einem Kult getragen wurde schließlich zu einer von Millionen von Anwendern propagierten Sache."
(c) by Chris Haderer. All Rights Reserved. Eine prä-digitale Version dieses Artikels erschien (in veränderter Form) in der AppleTime 1/97, PAGE-Verlag, Wien.
Siehe auch: 20 Jahre Macintosh (2): New Media-Forum 95 in Cannes
(c) by Chris Haderer.
kryz - am Montag, 12. Januar 2004, 14:46 - Rubrik: Zeit

